Presse CD - Produktion

 

Mozart - Requiem

 

 

Wolfgang Amadeus Mozart

"Requiem K626"

Neue Zürcher Zeitung
28.08.2002
 
Berührende Trauermusik

Bei fragmentarisch überlieferten Werken stellt sich immer die Frage nach der Textgestalt. Für seine Einspielung des Mozart-Requiems mit dem Chorus Musicus Köln und dem Neuen Orchester hat sich Christoph Spering nicht für eine der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert entstandenen Neufassungen entschieden, sondern auf die traditionelle Fassung des Mozart-Schülers Franz Xaver Süßmayr zurückgegriffen. Doch bereits der Beginn lässt aufhorchen. Getragen, beinahe stockend erklingt der Introitus. Spering legt großen Wert auf Temporelationen, was die Einheit des ganzen Werkes betont, zugleich eine gewisse Einförmigkeit hervorruft. Nicht der theatralische Effekt steht im Vordergrund, sondern schlichtes und inniges Musizieren. Sorgsam gestaltete Details, ein ausgeglichenes Solistenquartett und der gerundete Chorklang machen diese Interpretation zu einer berührenden Trauermusik. Die Süßmayr-Fassung wird ergänzt mit den originalen Fragmenten von Mozarts Hand. Reduziert auf das Gerüst von Vokalstimmen, Streicher und Orgel, entfalten die Sätze aus der Sequenz und dem Offertorium ihren eigenen Reiz, werden beispielsweise Gegenrhythmen hörbar, die sonst der Bläsersatz zudeckt.
j.h.
 

FAZ
16.03.2002
Eleonore Büning
Heilige Sekunde
Mozarts Requiem, authentisch

Die Legende um Mozarts Requiem ist ein produktiver Irrtum, der wie eine Neujahrsrakete nur stufenweise vorankommt. Ab und zu kracht es. Dann ist man ein Stück weiter, freilich nicht am Ziel. Die erste Stufe zündete der steinalte, geistig wirre Antonio Salieri anno 1825 mit seiner Selbstbezichtigung, er habe Mozart vergiftet.
Im selben Jahr meldete der Schriftleiter der Musikzeitschrift "Cäcilia" erste Zweifel an der "Ächtheit des Mozartschen Requiems" an und fragte, welche Teile des unvollendet hinterlassenen Werkes wohl von Mozart selbst stammen, welche nicht. Von diesem Zeitpunkt an verknüpfte sich der Grusel des Kriminalfallverdachts auf das angenehmste mit der Aura des Unvollendeten. Und das gesamte romantische 19. Jahrhundert über kursierte, festgehalten auf Ölschinken und in Trivialromanen, die fixe Idee vom totenbleichen Wolfgangerl, welches, fiebrigen Blicks und schon halb hinüber, zu matt, selbst die Feder zu führen, seinem jungen Freund Süßmayr die Anfangstakte zum "Sanctus" diktierte, die dazugehörigen Paukenstöße imitierend: indem er mit letzter Kraft die Backen aufbläst. Letzteres Detail verdanken wir einer zweifelhaften Zwischenstufe der Erkenntnis, gezündet über dreißig Jahre nach Mozarts Tod von dessen Schwägerin Sophie Haibel, die sich plötzlich ganz genau daran erinnern konnte. Das gesamte Szenario erreichte dann noch einmal eine neue Qualität, um nicht zu sagen, Verdichtung, als Milos Forman in seinem "Amadeus" Film die Figur Süßmayr übermalte durch die Figur Salieri. Ohne die Musikologen zu fragen. Die hatten unterdessen längst die nächste Stufe gezündet.
Man weiß heute, dank Vergleichung der Handschriften, Durchleuchtung der Autographe und Rekonstruktion der Umstände, daß Franz Xaver Süßmayr Teile des unvollendet Hinterlassenen nur instrumentiert hat und andere - Sanctus, Benedictus, Agnus Dei und Communio - aus den Skizzen ergänzte. Gleichwohl gilt die Komposition paradoxerweise als originalmozartisch. Sie wird auch stets als solche aufgeführt. Nur einige hartgesottene Historisten führen sich gelegentlich das "Original" vor Ohren (es existiert eine apokryphe Rundfunkaufnahme davon), wobei immer wieder besonders jene heutige Andachts Sekunde alle Herzen rührt, wenn im "Lacrimosa", dem letzten Blatt, welches Mozart nachweislich selbst beschrieben hat, die Melodielinie abbricht. Diese Sekunde wird uns nun dank Christoph Spering ein wenig verlängert.

Spering hat kürzlich mit seinem Originalklang Ensemble "das neue orchester" und dem "Chorus Musicus Köln" für das französische Label Opus 111 (OP 30307) das von Süßmayr Vollendete und alles Authentisch Mozartsche nacheinander auf eine CD gepackt und nicht nur neue, esoterisch ausgedehnte Tempi probiert, sondern einige Fragmente erstmals überhaupt zum Klingen gebracht. Man staunt: Wie respektvoll dicht blieb Süßmayr am Original! Und wie schön, daß es wieder ein neues Mysterium gibt! Spering macht bekannt mit einer finalen Amen Fuge, die noch viel wundersamer abbricht und sich in die ewigen Jagdgründe verkrümelt als besagtes "Lacrimosa".
Für ihr Berliner Debütkonzert haben Spering und Ensemble allerdings doch lieber die populärere Süßmayr Fassung ausgewählt. Sie bringen außerdem eine Art steinernen Gast der Legende mit: Antonio Salieri. Der hat schließlich auch mal ein Requiem geschrieben. Ein selbstvollendetes, versteht sich.
ELEONORE BÜNING

Sonntag abend, 20 Uhr, im Konzerthaus, Großer Saal, Gendarmenmarkt 2, Mitte.

Süddeutsche Zeitung
23.01.2002
RJB
Christoph Spering spielt erstmals das Mozart-Requiem als ungeschöntes Fragment ein

Respekt vor den Toten ist in der Musikgeschichte keine verbreitete Tugend. Kaum lässt ein Komponist ein Werk unfertig auf die Nachwelt kommen, schon sind diensteifrig die Vollender zur Hand. Da aber kaum einer der Meister so schlau war wie Johannes Brahms, der alles Unfertige verbrannte, gibt und gab es allerhand zu vollenden: "Turandot", "Kunst der Fuge", Schubert-Sinfonien, "Doktor Faust", "Der König Kandaules", "Lulu". Die Liste ließe sich noch stückelang fortsetzen, doch ganz egal wie lang sie würde, ein besonders geschändetes Werk würde darauf immer einen Ehrenplatz einnehmen: das Mozart-Requiem.
Mozart hat nur Introitus und Kyrie fertig gestellt, für Sequenz und Offertorium dann zumindest den Vokalsatz in Gänze geschrieben und mit einigen unumgänglichen Instrumentationsspuren umrankt. Der Rest des Requiems fehlt, wenn man von einem Skizzenblatt absieht, auf dem der Komponist eine Doppelfuge skizzierte, als Finale für das gesamte Werk.
Dieser Torso wurde schon kurz nach Mozarts Tod von Komponisten aus Mozarts Umfeld "vollendet", und der Mozart-Schüler Franz Xaver Süßmayr war dabei der Haupttäter. Ein versierter Komponist, dem Mozarts kompakter, fürs Requiem völlig neu entwickelter Vokalstil genauso fremd war wie die höheren Tricks des Komponierhandwerks. Deshalb stand die Süßmayr-Fassung schon oft in der Kritik, deshalb gibt es bis heute etliche andere Vollendungsversuche, die allerdings in der Regel immer versuchen, Mozart zu kopieren, und die deshalb auch immer scheitern.
Der seriöseste Weg aus diesem Dilemma - und Christoph Spering hat ihn nun als erster zusammen mit seinem Neuen Orchester, dem Chorus Musicus Köln und einem von Iride Martinez angeführten Solistenensemble im Anschluss an die Süßmayr-Fassung eingeschlagen - wäre es, nur Mozarts Requiem-Fragment aufzunehmen. Und siehe, es geschieht ein Wunder, das Konzept geht auf.
Nicht zuletzt, weil die Aufnahme die Vokalparts radikal und dem Stück entsprechend in den Vordergrund stellt und deshalb die Instrumentalparts fast völlig im Hintergrund verschwinden. So bohrt sich das Requiem aus der Unvollendung nach und nach in immer weniger ausgearbeitete Partien hinein, verschreckt etwas durch den (allerdings kadenzierenden) Abbruch im Lacrymosa, der zudem durchs Offertorium aufgefangen wird. Aber alle Hoffnungen auf eine abgerundete Lösung macht dann das abschließende Doppelfugenfragment zunichte: Mozarts Requiem bleibt höchstes Leid. (Opus 111/Helikon 30307)
RJB
Aachener Nachrichten
 
"Leise und ziehend läßt Christoph Spering die Streicher im Auftakt zu Mozarts Requiem den Ton setzen. Seine Einspielung nimmt den Klassikfan durch Effektsicherheit und heftige Dramatik für sich ein. Das Bestechende an der Einspielung des Kölners ist, daß sie - ganz wie ein gelungenes Hörspiel - beim Publikum ein "Kino im Kopf" entstehen läßt. [...] Und darum gehört diese Einspielung zum Erschütterndsten, was der Klassikmarkt derzeit zu bieten hat.
Kölner Stadtanzeiger
 
Wer den mehr als fünfzig Einspielungen von Mozarts "Requiem" eine weitere hinzufügt, muß triftige Gründe dafür haben. [...] Die technische Umsetzung der Partitur ist sowohl vom Chor, den Instrumentalisten wie auch dem Solistenquartett Iride Martinez, Monica Groop, Steve Davislim und Kwangchul Youn so respektabel gelungen, daß die Aufnahme unter den Konkurrenten Bestand haben dürfte.
Rhein-Neckar-Zeitung
 
Sperings Experiment gibt einen klingenden Überblick über das wirklich aus Mozarts Hand vorhandene Material, es spricht aber auch für die ergänzte Fassung Süßmayrs. Als Bonbon zur Gesamteinspielung sind diese Fragmente ein erschütterndes Dokument. Sperings Ensembles, historisch geschult, überzeugen musikalisch sogar dann, wenn sie im Tempo ungewöhnlich langsam werden ("Introitus").
Bewertung: "Große Klasse"
Fono Forum
 
Spannend und unmittelbar überzeugend ist der Introitus, den Spering als Trauerkondukt ausgesprochen langsam anschlägt, wodurch das dynamische und artikulatorische Profil ungemein scharf und dramatisch ausfällt. [...] Chor und Orchester beweisen in ihrer präzisen und differenzierten Artikulation eine gründliche Auseinandersetzung mit der Partitur.
Rondo
 
Über diesen enzyklopädischen Aspekt hinaus legt Christoph Spering, der Kölner Spezialist für Alte Musik, eine Interpretation des Werkes vor, die Kontroversen provoziert. [...] Spering setzt auf Kontraste: Fast stehende Musik hier ("Recordare"), drängende Seelenkämpfe da - und dazwischen schneidende Naturtrompeten mit dumpf mahnenden Pauken. [...] Eine Einspielung, mit der sich die Beschäftigung lohnt.
ZDF-Text
 
Andererseits lebt diese Einspielung von wunderbar sphärischen Klangfarben - hervorgezaubert durch die historischen Instrumente und einen flexibel kammermusikalisch agierenden Chor.
Diapason
01/2001
Le premier intérêt de cet enregistrement c´est la présence, en un copieux appendice, des fragments inachevés du Requiem dans l`état on les a laissés Mozart avant le travail final de Süssmayr. Il est passionnant d`entendre ainsi la Sequentia jusqu´ aux cinquante premières secondes du Lacrimosa, l`Offerto-rium et quelques mesures de l´Amen final tels qu´ils figuraient sur le manuscrit de Mozart, avec un orchestres étiques :peu de bois, pas de cuivre, parfois pas d´orchestre du tout. La comparaison avec la version définitive du Requiem est saisissante. (…)
Second intérêt, et pas le moindre, du CD, c´est l´approche qu´a Spering du Requiem. Aux couleurs tamisées de bois anciens, à la discrétion des cordes, s´ajoutent une lecture puissante, une démarche cohérente qui impose des tempos á la fois modérés et prenants. La tension y est palpable qu`entretient aussi une mise en place extrêmement précise des passages fugués où le Chorus Musicus fait merveille. (…)
L`orchestre tient bien son rôle dans cette interprétation aboutie, tellement maîtrisée, d´ailleurs, qu´elle ne dispense l´émotion qu´avec une certaine parcimonie. Mais, on l´aura compris, la présence des fragments inachevés rend ce CD indispensable à tout Mozartien.

Jean Luc Macia
 

Die erste Besonderheti dieser Aufnahme ist der bedeutende Anhang der unvollendeten Fragmente des Requiems... Die zweite Besonderheit, und die nicht geringere, ist Sperings Annäherung an das Requiem. Die Transparenten Farben der alten Holzbläser und die Zurückhaltung der Streicher fügen sich in die machtvolle Lesart, den stimmigen Ansatz, der gleichzeitig gemäßigte und packende Tempi verlangt. ... Die Fragmente machen dieses CD für jeden Mozartianer unentbehrlich.
 

La Semaine du Minervois
20.12.2001
Le chef Christoph Spering a eu l´idée lumineuse d´ajouter vingt trois minutes qui ne sont pas du remplissage : il s´agit en effet de la restitution " en l´ état " du manuscrit autographe de Mozart, comportant les morceaux du Requiem composés avant sa disparition. (…)
Le choix d´un tempo lent renforce la gravité et témoigne de la ferveur des interprètes qui, après avoir souvent joué les deux versions en concert, ont voulu témoigner par ce disque de leur éblouissement. Qu´ils en soient remerciés.

Partice Cartier
Classica
12/2001
(…) De prime écoute, l´approche de Spering heurtera par ses options radicales dans le choix des tempi (particulièrement distendus), des articulations et des phrases. Pourtant, après plusieurs écoutes se dessine uns vision personnelle mais cohérente du Requiem, fruit d`une féconde réflexion sur le texte littéraire et musical. Et l´émotion jaillit…comme dans un introitus hiératique nous propulsant dans une sorte de lévitation sonore, éblouissante permettant de savourer la sonorité complexe et lumineuse de l´orchestre et la qualité des chœurs. (…)

Jean-Noël Coucoureux
Telerama
01/2002
(…) Dès les premières mesures, on est fasciné par ce ton plein de ferveur et de retenue (Requiem aeternam), par ces solennelles et divines lenteurs, parfois jusqu´ à l´étirement (la fugue du Kyrie) ; par cette énergie pleine de désespérance, de résignation. Voilà au moins un chef qui ne confond pas musique religieuse avec course de côte, requiem avec danse macabre et Mozart avec un frénétique compositeur romantique !
Et, comme un bonheur n`arrive jamais seul, il nous propose, outre l`habituelle version de l`élève Süssmayr connue comme le K 626, les fragments autographes inachevés de la partition (Tuba mirum, Rex tremendae …) laissés en chantier par la mort de Mozart, telles ces émouvantes bribes de l`Amen, juste quelques mesures suspendues sur l` infini, pour l`éternité. (… )

Xavier Lacavalerie
 

Von den ersten Takten an ist man von dem Ton voller Eifer und Zurückhaltung (Requiem aeternam), von diesen würdevollen und göttlichen Langsamkeiten -manchmal bis zur Dehnung, von dieser Energie voller Hoffnungslosigkeit und Resignation fasziniert. Endlich ein Dirigent, der religiöse Musik nicht mit einer course de cote, ein Requiem mit einer Danse Macabre und Mozart mit einem frenetischen romantischen Komponisten verwechselt. Und da ein Glücksfall selten allein kommt, bietet er uns, neben der übliche Version des Schülers Süssmayr, die unvollendeten Fragmente, die Mozart hinterlassen hat.
 

 

 

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